ZWISCHEN ABSTRAKTION UND WIRKLICHKEIT (Regina Böker)

 

Natürlich sind es zunächst die abgebildeten Dinge, die Früchte und Blumen, die beim Betrachten von Stefan Bräunigers Bildern ins Auge springen und faszinieren. Sie strahlen eine verträumte Poesie aus und sind doch gleichzeitig in ihrer Direktheit geradezu lebendige Wiedergaben der Realität. Staunend gewahrt der Betrachter die vollkommene Schönheit der Rose, die zarte Anmut der Wicke, die perfekte Form der Johannisbeere – und empfindet beinahe unweigerlich Ehrfurcht vor diesen Wunderwerken der Natur.

Erst wenn man sich eingehender mit der Wirkung der Bilder beschäftigt, wird deutlich, dass diese nur vordergründig durch die Sujets hervorgerufen wird. Viel mehr als die Früchte und Blumen selbst sind es die Bildausschnitte, die Perspektiven, die Farbigkeit, der Bildaufbau, also die Bildkompositionen, die den Bildern Spannung und Emotion verleihen. Bräunigers Stillleben beweisen sein sicheres Gefühl für Proportionen und formale Zusammenhänge, zeigen jenseits aller Inhaltlichkeit den leidenschaftlichen Maler. Die Wahl seiner Themen verweist weniger auf einen fanatischen Blumenfreund und Obstliebhaber als auf einen Künstler, der ideale Objekte gefunden hat, seine wahre Meisterschaft zu zeigen.

Das Quadrat als Bildformat, das Bräuniger häufig wählt, zeichnet sich durch seine besondere Ausgewogenheit aus. Als Ausgangsbasis für Bräunigers Kunst ist es damit prädestiniert. Virtuos verleiht er dem Format eine eigene aufregende Dynamik. Sie entsteht durch steigende und fallende Diagonalen, Staffelungen, Komplementärkontraste, die Arbeit mit Flächenaufteilungen, den gekonnten Einsatz von Körpern und Linien.

Schaut man sich „Zitronen V“ als Beispiel daraufhin genau an, findet man dies bestätigt. Den drei im Dreieck zueinander stehenden Hintergrundflächen entsprechen die drei Zitronen, die nachbzw. voreinander gestaffelt Tiefe und Volumen ergeben und gleichzeitig eine Diagonale von Körpern bilden, während die Blätter von links unten nach rechts oben als Gegengerade erscheinen. Dem Hintergrunddreieck der Basis entspricht das von den Blättern gebildete Dreieck am oberen Rand, dem großen Blatt der linken unteren Ecke die obere rechte Fläche. Neben dem eingewölbten Dreieck am linken Bildrand bildet das Blatt in der oberen linken Ecke ein ausgewölbtes Dreieck, dessen Form in der unteren rechten Ecke durch einen Stängel wieder aufgenommen wird. Blattrispen, Stiele und Schatten bilden ein Liniengerüst, das mit den kugeligen Körpern der Zitronen kontrastiert. Diese Entsprechungen, Kontraste und Gewichtungen – das rechte untere Bilddreieck zeigt die große, schwere vordere Zitrone, während das linke obere Dreieck durch die kräftig grünen Blätter das Gegengewicht bildet – sind eine formale Meisterleistung. Auch der Anschnitt der Zitrone am rechten Rand dient dieser Komposition. Er verhindert die Rechtslastigkeit und verweist so auf die Konstruktion des Bildes an sich, auf dessen fast schon abstrakte Qualitäten. Wie man es auch dreht, stehen Linien, Flächen, Volumen und Gewichtung in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander.

Die Farbgebung des Bildes unterstreicht diese formalen Komponenten. Es dominiert das Gelb der Zitronen, die durch aufgesetzte weißliche Lichter noch an Volumen gewinnen. Der helle rötlich graubraune Hintergrund, der als Mischung aus Gelb, Rot und Blau die Blatt-, Stiel- und Zitronenfarben und doch mit rötlichem Schimmer den Komplementärkontrast zu Grün enthält, lässt die Zitronen und Blätter noch präsenter erscheinen. Feine ins Rot gehende Farbspuren am Rand der Zitronen, der Blätter, den Stielen und am Blattschatten zeigen als Komplementärkontraste die Raffinesse der Malerei.

Die besondere Qualität von Stefan Bräunigers Bildern beruht darauf, dass diese rein malerischen und formalen Themen voll ausgereizt werden, und sie doch realistische Darstellungen sind. Sie sind quasi eine Synthese aus reiner Malerei und perfekter Abbildung. Jede Pore der Zitrone ist akribisch gemalt, ihr wächsernes Aussehen wiedergegeben, die frische Glattheit der Blätter, die kleinen kräftigen Stiele in ihrer natürlichen Stofflichkeit genau getroffen. Aber auch dies ist letztlich vor allem eine malerische Aufgabe für den Künstler.

Es ist die Faszination des „Handwerks“, also der Tätigkeit des Malens und des künstlerischen Schaffens, die sich, ganz losgelöst vom zu Malenden, hier Ausdruck verschafft. Liebevoll legt Bräuniger eine farbige Untermalung an, um später den für seine Bilder so typischen „Schmelz“ zu erhalten. Ohne Hintergedanken an mögliche inhaltliche Konnotationen ist es dann sein Bestreben, das ausgewählte Sujet genau der fotografischen Vorlage entsprechend wiederzugeben. Penibel wird jeder Farbton einzeln angemischt, in tagelanger Arbeit ausgehend von einer Ecke des Bildes nach- und nebeneinander auf die Leinwand gebracht. Die leichte Zartheit der Blütenblätter einer Wicke, die Durchsichtigkeit der Johannisbeeren, die mattglänzende Oberfläche der Oliven, die prallen, glänzenden Kirschen oder die duftige, filigrane Rose – schon seit dem 17. Jahrhundert war es ein Bestreben der Maler von Stillleben, mit ihrem malerischen Können die sinnlichen Eigenschaften der Dinge zum Leben zu erwecken.

Trotz der unbestreitbar malerischen Qualitäten ist Stefan Bräunigers Kunst ohne die Fotografie nicht denkbar. Im ganz praktischen Sinne beruht dies zunächst auf dem Entstehungsprozess der Bilder. Wie schon erwähnt, dienen dem Künstler Fotografien als Bildvorlagen. Zu Haus, bei möglichst immer gleichen Lichtverhältnissen, fotografiert er, was ihm an Früchten und Blumen unterkommt. Nur ca. zehn Prozent dieser Aufnahmen erscheinen ihm allerdings für seine Zwecke tauglich. Mit Hilfe eines verschiebbaren Rahmens sucht er aus den farbigen Abzügen den Bildausschnitt, den er malerisch umsetzen will. Der wird auf die Leinwand projiziert und als Skizze übertragen.

Neben diesem konkreten Bezug zur Fotografie ist es aber vor allem die durch die Fotografie ermöglichte Sehweise, die entscheidenden Einfluss auf Bräunigers Kunst hat. Seit den Anfängen der Fotografie beeinflussen sich Fotografie und Malerei wechselseitig. Die Fotorealisten haben in diesem Zusammenhang die Abstraktheit des Mediums deutlich gemacht. Fotografische Realität ist in ihrem Sinne das Nebeneinander von abstrakten Flächen, Linien und Punkten, die erst das menschliche Auge zu einem Abbild zusammensetzt. Auch wenn Bräuniger sich selbst nicht als Fotorealist bezeichnet, weil ihm Etikettierungen dieser Art nicht geheuer erscheinen, so nutzt und kopiert er doch diese Erkenntnisse. Er inszeniert seine Objekte nicht, noch zeigt er sie als Ganzes. Das Kameraobjektiv erforscht für ihn den Gegenstand Stück für Stück, Ausschnitt für Ausschnitt. Es zerlegt die Realität in Versatzstücke, zoomt sich ganz nah heran – eine Sehweise, die sich nicht am Gegenstand selbst ausrichtet, indem sie z.B. nur ein einzelnes Blatt „ausschneidet“, sondern die die Realität in rechteckige Flächen aufteilt, auf denen jeweils ein bestimmter Part des Gegenstandes zu sehen ist. In diesem Rechteck das Wesen des Gegenstandes zu erfassen, ist Bräunigers großer Verdienst. Mühelos funktionieren seine Bilder als eben diese abstrakt angelegten Rechtecke wie als getreue Wiedergabe der Wirklichkeit.

Anders als die Maler der Vergangenheit hat StefanBräuniger nicht das Bestreben, seine Objekte mit einer metaphorischen oder symbolischen Bedeutung zu belegen. Trotzdem weckt ihr Anblick unwillkürlich Emotionen. Seine Blumen und Früchte scheinen nicht mehr und nicht weniger sagen zu wollen als: „Ich bin was ich bin“, eine Rose, eine Zitrone, ein Olivenzweig. Aber tragischerweise bleibt ihr Wunsch unmöglich zu erfüllen, macht doch gerade die Art ihrer Darstellung deutlich, dass sie eben nur das Abbild der realen Rose, Zitrone oder Olive sind. Vielleicht rührt daher ihre tiefe Melancholie und poetische Kraft. Sie mag dem unbarmherzig realistischen Blick geschuldet sein, dem kein Detail entgeht, mehr noch aber ihrem ausschnitthaften Dasein, gleichsam verloren in ihrer lebendigen Präsenz im unbestimmten Raum. Je klarer und deutlicher das Bild sagt: „Ich bin ein Bild“, von einer Rose, einer Zitrone, einem Olivenzweig, desto mehr wird die Vergänglichkeit der realen Rose, Zitrone oder Olive bewusst. Ihre Existenz ist eingefroren, festgehalten, aber nicht mehr fassbar, schon vorbei. In diesem Sinne kann Stefan Bräunigers Vorliebe für die Gegenstände der Natur verstanden werden als Versuch, den Dingen wieder Leben „einzumalen“, ihre Vergänglichkeit damit aufzuheben, und doch genau die Widersprüche, die sich daraus ergeben, mitklingen zu lassen und spürbar zu machen. Ein Unterfangen, das ihm auf meisterhafte Weise glückt.

Ein Angriff auf die Realität ? (Eva-Maria Schumann-Bacia)

I.  Warum lieben Menschen Blumen? Eine Einzelblüte oder eine als Einheit wirkende Anhäufung von Blüten? Unser Gefühl für Schönheit und Anmut zum Beispiel. Weil sie uns mit ihrer Farbenpracht, Perfektion der Form und ihrem Duft verführen und betören. Und weil sie zu uns sprechen in einer bestimmten Symbolik. Und damit unser Herz gewinnen. Blumen verkörpern offenbar etwas ganz Elementares:„Seit alters her spielen Blumen als Schmuck bei kultischen und weltlichen Festen sowie im Alltag, in Brauchtum und Symbolik bei allen Völkern eine große Rolle“, so steht’s im Brockhaus. Ob altägyptische Grabkammer oder Tempel der Azteken, sie waren mit Blumen geschmückt. In der antiken Dichtung werden Blumen besungen, im kaiserlichen Rom wurden Olivenanpflanzungen und Weizenfelder durch Rosenfelder ersetzt und seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfreuen die Blumen in Vasen als Zimmerschmuck den Menschen.

Mit der Blüte signalisiert die Pflanze das Eintreten und Durchlaufen der Phase der geschlechtlichen Fortpflanzung, die begrenzte Zeitspanne, wenn die Samen und Pollenkörner in den Staubbeuteln reifen, die Narben empfangsfähig und die Pollenkörner zur Bestäubung aus den Pollensäcken entlassen werden. Die Natur schmückt sich, um zu überleben. Um eine Frucht hervorzubringen. Die Blume ist deshalb Feier des Lebens schlechthin. Sie strahlt etwas Optimistisches aus, das die Menschen beglückt. Und ist nicht eines ihrer Geheimnisse die Erinnerung? Weil sie auch immer eine an den Sommer ist? An blauen Himmel, vor allem an Sonne? Blumen und Sonne gehören zusammen! Menschen lieben Blumen. Sie bedeuten für sie das kleine Surplus im Leben, den Gewinn an Lebensfreude, den Überschuss an Luxus, das Sahnehäubchen im Alltag, das einfach das Herz erfreut. Und sie symbolisieren die Liebe wie die Rose…

II. Warum malt jemand Blumen? Eine Rose, eine Wicke, ein Stiefmütterchen, den gelborangefarbenen Sonnenhut? Warum verleiht er ihnen Gestalt in einem Bildnis mit einmaligen, individuellen Zügen und dennoch von unverwechselbarer Form? Vergrößert sie, der Artenvielfalt entnommen, zu einem Porträt mit einer eigenständigen Persönlichkeit? Warum wird hier so detailund naturgetreu wie nur möglich die Perfektion ihrer Form festgehalten? Stefan Bräuniger spielt mit Emotionen und gleichzeitig ist doch alles kühl konstruiert. Bei ihm sehen die Blumengemälde aus wie Fotografien. Besser gesagt: Eine Vergrößerung eines Ausschnitts einer Fotografie, wie sie uns mitunter als Appetizer in Hochglanzbroschüren begegnet. Man erkennt keine Pinselspur oder Handschrift des Malers – ist hier nicht eher die Hand eines Designers am Werk?

Mit diesem Eindruck operiert Stefan Bräuniger. Das ist seine Absicht: Eine kalkulierte Atmosphäre der Unsicherheit zu schaffen, etwas, was gleichzeitig klar und rätselhaft erscheint.
Wir erfahren eine Totalität von Anmutungen und vielfältigsten Botschaften. Vor allem, wenn wir die Homepage von Stefan Bräuniger im Internet anklicken und die naturgetreuen Blumenbilder über den Bildschirm des PC sausen sehen, die augentäuschend echt wirken, eben wie Buntfotos! Die tradierte Form des Blumenstilllebens in Öl ist gleichzeitig Oberfläche, ist Sampler, den man anklicken kann. Wenn man dann noch den gewünschten „noise“ dazu wählt: „romantic noise“, „break beat“, „space ambient“ oder „jazzy drive“ und die Musik das Stimmungsvolle verstärkt, dann fragen wir uns, vor allem bei dieser Kunst im Netz, was damit alles in uns angeklickt wird. In welche Stimmung werden wir versetzt? Der Realismus der Blüten wird fast körperlich und das Überdeutliche wirkt fast surreal. Wird hier die Wirklichkeit transzendiert? Vielleicht liegt in der Übertreibung auch Ironie? Spitzweg à la carte… ?
Warum macht Stefan Bräuniger das? Weil er mutig ist. Weil er sich an dieses verminte Terrain der Ästhetik heranwagt. Weil ihn das besonders interessiert! Weil er damit einen Raum öffnet, der ein vielschichtiges Beziehungsgeflecht verschiedener Denkkonstrukte möglich macht. Weil er uns eine Möglichkeitsform anbietet, Wirklichkeit zu sehen.

Durch leichte Verschiebung mit der übrigen Realität. Weil er einen Angriff fährt. Auf die Realität! Um seine Kunst besser zu verstehen, um sozusagen näher an ihn heranzukommen, wollen wir Stefan Bräuniger einkreisen. Wir wählen dazu als Einstieg eine Betrachtung, die die Gattung des Stilllebens in der Kunstgeschichte in Augenschein nimmt. Um Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede festzustellen. Und um das teilweise ganz andere seiner Kunst zu würdigen.

III. Im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal finden wir nicht weit vom Atelier des Künstlers Blumen- und Früchtestillleben in großer Vielfalt und von herausragender Schönheit. Bilder, die Bräuniger mit Sicherheit studiert hat.
Treten wir in den Raum mit den niederländischen Stillleben, so finden wir prächtige Arrangements opulenter Schönmalerei. Wir sehen hier die Schätze der Natur wie Schauspieler mit genau zugewiesenen Rollen über eine Bühne verteilt. Die Bühne ist fast immer der Tisch und auf ihm ist angerichtet: Der Silberteller mit den Zitronen in leuchtendem Gelb, eine halb geschälte Frucht lässt die Spirale ihrer Schale über den Tischrand mäandern. Geöffnete Austern verführen mit dem schimmerno den Perlmuttglanz ihres Inneren. Die Weintrauben sind so glasklar gemalt, dass sich das Licht in ihnen reflektiert. Die Aprikosen im samtenen Gelb sind handschmeichlerische Naturnachahmung, das Federkleid der toten Rebhühner so weich, dass man meint, es anfühlen zu können! Das alles ist Verherrlichung, ist Lob der Schöpfung und Lob der Könnerschaft des Malers gleichermaßen, der für diesen augentäuschend echt wirkenden Augenschmaus die Draperie, den Vorhang hebt!
Frans Snyders „Stilleben mit Wildschweinkopf“ aus der ersten Hälfte des 17. Hahrhunderts, ist eines der repräsentativsten Stücke der reichen Sammlung des Museums. Hier haben die „toten Dinge“ einen regelrecht opernhaften Auftritt, fast kommt etwas Dramatisches durch die lebendige, fauchende Katze hinzu. Die Wildheit des toten Eberkopfs mit dem braunen Zottelfell und aus dem Maul ragenden Hauern bildet einen choreografiert extremen Gegensatz zu der hochzivilisierten Kunstfertigkeit der Malerei, dem exquisiten Geschmack gebündelter Spargel etwa. Die sonst üblichen Blumen in Vasen sind hier durch einen üppigen Früchtekorb ersetzt. Eine der blauen Pflaumen scheint aufgeplatzt zu sein, was soviel heißt wie: Sieh, all die Fülle und Schönheit der Natur, aber die Fäulnis, Fliege, Raupe, letztlich der Tod sind auch nicht fern! Das heißt, in dieser Art der Stilllebenmalerei haben wir es auch immer mit einem Symbolgehalt, im weitesten Sinne mit einem „memento mori“ zu tun.

IV. Nun, Vergänglichkeit ist mit Sicherheit kein Thema für Stefan Bräuniger! Im Gegenteil. Damit die Blüten und Blumen, „die schon nach Stunden anders aussehen“, seinem Pinsel den unveränderbaren Vorwand liefern können, arbeitet er nur nach Fotos. Kaum jemand in der gegenständlichen Malerei kommt heute ohne Fotos aus. Sie sind die Grundlage, die für die Zeitgenossenschaft bürgen. Und keiner geht heutzutage in die Landschaft und malt ein Bild von einer Blume; das kommt selbstverständlich von einem Medium her. War bei den Niederländern Zeit durch Vergänglichkeit, durch Verfall des Motivs thematisiert, so garantiert die Konservierung durch das Foto Zeitlosigkeit ohne Verfallsdatum. Damit wird der Symbolgehalt auf ein Minimum reduziert!
Das Fotografieren ist also Teil der künstlerischen Arbeit von Stefan Bräuniger. Die Wahl des Motivs, der Ausschnitt, das Licht. Die Fotos sind im Zimmer gemacht. Höchstens tritt er auf den Balkon für das Orangenbäumchen, die Kumquats… Das heißt, auch bei Bräuniger ist es die zivilisierte Natur, wie sie uns als Zimmerschmuck ins Haus kommt. Der Blumenstrauß, die Blattpflanze.

Aber Bräuniger richtet heute seine Protagonisten nicht mehr auf einer Bühne eines Tischs an. Er inszeniert nicht. Es ist ein eher beiläufiger Blick, dem Gestalt verliehen wird.
Bei den Altvorderen war der Raum der kleinen Tischbühne nicht sehr tief. Aber er war immerhin ein Raum mit einer gewissen Tiefenschärfe. Ein Raum, der den realen Raum des Betrachters in der virtuellen Tiefe des Bildraums fortsetzte. Bei Bräuniger ist das ganz anders. In Nahaufnahme zoomt er die Details heran, richtet seinen Fokus auf eine einzige Blüte, eine Zitrone, eine Olive im Geäst der Pflanze. Er wählt einen Ausschnitt. Denn unser Blick erfasst heutzutage nur Fragmente der Wirklichkeit! Aber die untersucht Bräuniger genau und eingehend.
Er überträgt die Fotografie mit der Malerei ins Großformat. Waren in der alten Stilllebenmalerei die Proportionen des Umraums des Betrachters auch im Bild gewahrt, so staunen wir bei Stefan Bräuniger über ihre maßstäbliche Entgrenzung. Über die einen Quadratmeter große Rosenblüte beispielsweise. Die Zitrone ist ein riesiger Ballon, die blauen Oliven haben Basketballgröße Dieser Bruch mit der Realität verfremdet den vertrauten Gegenstand und gleichzeitig kommt uns das alles sehr bekannt vor! Und zwar von der fotografischen Technik her, die hier mit Malerei nachvollzogen wird. Der Fokus liegt im Vordergrund, auf der Blüte, der Frucht. Nahaufnahmen haben keine Tiefenschärfe, ihr Hintergrund ist naturgemäß immer unscharf. Und weil die Gemälde exakt nach der fotografischen Vorlage gearbeitet sind, haben auch sie keine Tiefenschärfe. Die Astgabel wird zu braunen Streifen, die sich kreuzen, die Blätter des Geästs gehen verschwommen in das diffuse Grau der Zimmerwand über. Und das ist eben der uns vertraute Anblick, wie ihn die Fotografie bietet.

Und doch ist das hier Malerei! Die erschließt sich beim Nähertreten ans Bild.
Die Zeitgenossenschaft der Malerei von Stefan Bräuniger beruht auf dem malerischen Prinzip. Denn es geht heute auch und vor allem beim Trend der gegenständlichen Malerei immer wieder um die Frage, wie verhält sich die Malerei zur Bildfläche? Wie kommt der evozierte plastische Gegenstand auf die zweidimensionale Leinwand zu stehen? Und wie stark tritt ihre Zweidimensionalität als eigenständiges Element in Erscheinung? Geht man an Bräunigers Bilder ganz nahe heran, dann löst sich das mimetische Prinzip auf in reine Malerei! Die zum Anlangen realistische Zitrone hat, wenn auch überproportional groß aufgebläht, von weitem die Präsenz realer Gegenständlichkeit. Aber die verwandelt sich von nahem, wird reiner Farbauftrag von hellgelben über orange zu bräunlich verschatteten Pigmenten. Man kann in diesen Tonabstufungen schwelgen; unmerklich, ohne die Spur eines Pinselstrichs, eines persönlichen Farbgestus verschwimmen die Konturen, die Farben werden sinnlich, der Eindruck malerisch. Wir empfinden die reine Farbe mit ihren Farbwerten, die Oberfläche der Leinwand. Der Bildträger wird ganz real. Die „gute belgische Leinwand“, die weiße Baumwolle lebt, belebt das Erscheinungsbild.
Das ist eine große Kunst dieser Malerei, geradezu ihr Geheimnis!

Wie gelingt Stefan Bräuniger das? Plastizität hervorzurufen und sie gleichzeitig zu negieren, d.h. alles in die Fläche aufzulösen: Von nahem ist plötzlich alles ganz flach! Hier geht es nur noch ums Malen, um die Farbe! Das ist besonders auffällig bei der Zimmerwand: Hier ist der Hintergrund nur noch für die Farbe da. Aber trotzdem keine Pinselspur! Nur von der Seite betrachtet raten die Oliven, die blauen Wolken, die atmosphärischen Kugeln, das dunstige Helldunkel, einige glänzende Tupfer in der ansonsten matten Oberfläche. Die Erklärung ist: Je dunkler die Pigmente, umso glänzender wirkt die Ölfarbe. Aber das Verwischen, das Schmirgeln der Oberfläche ebnet alles wieder ein. Perfekt. Der Versuch, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, bleibt unweigerlich in der Entdeckung technischer Details stecken. „Alles kommt auf die Grundierung an.“ Dadurch entstehe die matte, die glatte Oberfläche. Wir rekapitulieren die Vorgehensweise, ohne damit der Kunst auch nur eine Spur näher zu kommen:
Erst ist das Foto da. Dann wird das Format der Leinwand gewählt. Dann dieselbe orangefarben grundiert. Dann kommt der Projektor zum Einsatz und die Konturen des Fotos werden auf die Bildfläche übertragen. Und dann wird der Tonwert des Bildes durch den Hintergrund festgelegt. Stefan Bräuniger liebt die Ölfarbe. Für ihn ist sie ein „schöner Gegenstand“ wie der Malstock, den er benutzt, wenn die Malerei es erfordert, genauer zu werden. Dann kann er damit seine Hand abstützen. Wie in alten Zeiten. Auf einem Notenständer direkt neben der Leinwand lehnt das Foto, das er in Malerei übersetzt. Es sieht ein bisschen aus wie in einem Labor. Oder wie beim Augenarzt. Denn es geht ums Sehen. Überall herrscht Ordnung, keine Farbtropfen finden sich auf dem reinlichen Atelierboden. „Die wilde Malerei, das Schlimmste!“ Stefan Bräuniger kommt von der Zeichnung her. Auch er habe „zwischendurch rumgematscht“, aber das ist jetzt „erledigt“. Die sofakissengroßen Bilder, 40 x 40 cm, sind Bräunigers Lieblingsformat. Seit vier Jahren malt er nun die Früchte- und Blumenbilder, an die 1700 Fotografien liegen der malerischen Umsetzung zugrunde.

V. Warum lieben wir diese Malerei? Warum lieben wir überhaupt Malerei?
Uns interessiert wohl an der Malerei ein bestimmter Grad an Lesbarkeit, der einem Zeit lässt, anders als bei Film oder Video, neue Anschauungsmöglichkeiten zuzulassen. Da gibt es viele Spielarten, wie Dinge auf der Bildfläche materialisiert werden, Gestalt annehmen, sich tote Materie „verlebendigt“. Der Prozess der Umsetzung ist das Spannende, die Bildwerdung, die die Frage auch des Materials betrifft. Wie schlussendlich die Materie verkörpert wird – zum Beispiel ein Kürbis, eine Traubendolde. Bei den zeitlosen Früchte- und Blumenstillleben Stefan Bräunigers funktioniert da etwas offenbar sehr gut: Die Farbmaterie tritt dezent in den Hintergrund, um der Gestaltwerdung Raum zu verschaffen. Diese Malerei akzentuiert zwar auch den Scheincharakter, z.B. durch das unwirkliche Aufblähen einer Rose ins Großformat. Aber sie aktiviert vor allem ein kollektives Bildgedächtnis, das auch die Ebene des Erzählerischen, vielleicht sogar des Symbolischen berührt. Durch die Aktivierung des Erinnerungsspeichers Blume / Fotografie bekommt das Medium Malerei hier einen Vertrautheitsbonus, den es braucht, um diesen Punkt zu treffen, der einen berührt. So ist die „box of roses“ und die „box of citrusfruits“ gleichsam ein magischer Behälter erinnerter, positiv besetzter Bilder, der Zeitlosigkeit mit Schönheit kombiniert. Die riesige weiße Johannisbeere ist zwar durch die Größe verfremdet – der „Inhalt“ ist jedoch so vertraut, dass man nicht umhin kann, das Bild zu lieben und besitzen zu wollen.

Und wie ist das nun mit der Ironie? Sind die Bilder nicht so schön gemalt, die Kamelie, das Stiefmütterchen, die unzähligen Rosenporträts, dass es heutzutage kaum mehr ernst gemeint sein kann? Wenn jemand Rob Scholte gut findet, dann kann das eigentlich nur in die Richtung eines Bruchs, eines ironischen Untertons gehen. Bräuniger meint, er liebe alles, „was so ein bisschen in die Ironie geht“ und fügt hinzu: „Schade, dass ich das nicht so unterbringen kann!“

Kann er nicht? Was ist mit den Rosenbildern von hinten, die er eine Zeitlang malte? Dem Butterstück, der Becel-Margarine, dem Buco-Frischkäse, die allesamt vor den Blumen und Früchten seine Motive waren? Die er in realistischer Form von oben betrachtet aufs Bild setzte? Der grüne Wackelpudding mit Waldbeergeschmack, die Rotweinschaumcreme von Dr. Oetker? Bezieht man das in die Betrachtung mit ein, so findet man auch heute noch bei seinem geschärften Blick auf die Dingwelt diesen Punkt, der irritiert und spannend bleibt – auch, und gerade bei einem im Grunde so abgegriffenen Motiv wie den Blumen. Stefan Bräuniger macht etwas Neues daraus. Er findet eine Form dafür mit seiner Malerei, die auf der Kippe balanciert, die eine Gratwanderung ist zwischen monumentaler Überhöhung, Wirklichkeitsnähe und Distanzierung. Diese Malerei umschreibt oder besser beschreibt die Wirklichkeit und schrappt doch bewusst haarscharf an ihr vorbei. Und das ist so aufregend