Regina Böker
ZWISCHEN ABSTRAKTION UND WIRKLICHKEIT
Natürlich sind es zunächst die abgebildeten Dinge, die Früchte und Blumen, die beim Betrachten von Stefan Bräunigers Bildern ins Auge springen und faszinieren. Sie strahlen eine verträumte Poesie aus und sind doch gleichzeitig in ihrer Direktheit geradezu lebendige Wiedergaben der Realität. Staunend gewahrt der Betrachter die vollkommene Schönheit der Rose, die zarte Anmut der Wicke, die perfekte Form der Johannisbeere – und empfindet beinahe unweigerlich Ehrfurcht vor diesen Wunderwerken der Natur.
Erst wenn man sich eingehender mit der Wirkung der Bilder beschäftigt, wird deutlich, dass diese nur vordergründig durch die Sujets hervorgerufen wird. Viel mehr als die Früchte und Blumen selbst sind es die Bildausschnitte, die Perspektiven, die Farbigkeit, der Bildaufbau, also die Bildkompositionen, die den Bildern Spannung und Emotion verleihen. Bräunigers Stillleben beweisen sein sicheres Gefühl für Proportionen und formale Zusammenhänge, zeigen jenseits aller Inhaltlichkeit den leidenschaftlichen Maler. Die Wahl seiner Themen verweist weniger auf einen fanatischen Blumenfreund und Obstliebhaber als auf einen Künstler, der ideale Objekte gefunden hat, seine wahre Meisterschaft zu zeigen.
Das Quadrat als Bildformat, das Bräuniger häufig wählt, zeichnet sich durch seine besondere Ausgewogenheit aus. Als Ausgangsbasis für Bräunigers Kunst ist es damit prädestiniert. Virtuos verleiht er dem Format eine eigene aufregende Dynamik. Sie entsteht durch steigende und fallende Diagonalen, Staffelungen, Komplementärkontraste, die Arbeit mit Flächenaufteilungen, den gekonnten Einsatz von Körpern und Linien.
Schaut man sich „Zitronen V“ als Beispiel daraufhin genau an, findet man dies bestätigt. Den drei im Dreieck zueinander stehenden Hintergrundflächen entsprechen die drei Zitronen, die nachbzw. voreinander gestaffelt Tiefe und Volumen ergeben und gleichzeitig eine Diagonale von Körpern bilden, während die Blätter von links unten nach rechts oben als Gegengerade erscheinen. Dem Hintergrunddreieck der Basis entspricht das von den Blättern gebildete Dreieck am oberen Rand, dem großen Blatt der linken unteren Ecke die obere rechte Fläche. Neben dem eingewölbten Dreieck am linken Bildrand bildet das Blatt in der oberen linken Ecke ein ausgewölbtes Dreieck, dessen Form in der unteren rechten Ecke durch einen Stängel wieder aufgenommen wird. Blattrispen, Stiele und Schatten bilden ein Liniengerüst, das mit den kugeligen Körpern der Zitronen kontrastiert. Diese Entsprechungen, Kontraste und Gewichtungen – das rechte untere Bilddreieck zeigt die große, schwere vordere Zitrone, während das linke obere Dreieck durch die kräftig grünen Blätter das Gegengewicht bildet – sind eine formale Meisterleistung. Auch der Anschnitt der Zitrone am rechten Rand dient dieser Komposition. Er verhindert die Rechtslastigkeit und verweist so auf die Konstruktion des Bildes an sich, auf dessen fast schon abstrakte Qualitäten. Wie man es auch dreht, stehen Linien, Flächen, Volumen und Gewichtung in einem spannungsreichen Verhältnis zueinander.
Die Farbgebung des Bildes unterstreicht diese formalen Komponenten. Es dominiert das Gelb der Zitronen, die durch aufgesetzte weißliche Lichter noch an Volumen gewinnen. Der helle rötlich graubraune Hintergrund, der als Mischung aus Gelb, Rot und Blau die Blatt-, Stiel- und Zitronenfarben und doch mit rötlichem Schimmer den Komplementärkontrast zu Grün enthält, lässt die Zitronen und Blätter noch präsenter erscheinen. Feine ins Rot gehende Farbspuren am Rand der Zitronen, der Blätter, den Stielen und am Blattschatten zeigen als Komplementärkontraste die Raffinesse der Malerei.
Die besondere Qualität von Stefan Bräunigers Bildern beruht darauf, dass diese rein malerischen und formalen Themen voll ausgereizt werden, und sie doch realistische Darstellungen sind. Sie sind quasi eine Synthese aus reiner Malerei und perfekter Abbildung. Jede Pore der Zitrone ist akribisch gemalt, ihr wächsernes Aussehen wiedergegeben, die frische Glattheit der Blätter, die kleinen kräftigen Stiele in ihrer natürlichen Stofflichkeit genau getroffen. Aber auch dies ist letztlich vor allem eine malerische Aufgabe für den Künstler.
Es ist die Faszination des „Handwerks“, also der Tätigkeit des Malens und des künstlerischen Schaffens, die sich, ganz losgelöst vom zu Malenden, hier Ausdruck verschafft. Liebevoll legt Bräuniger eine farbige Untermalung an, um später den für seine Bilder so typischen „Schmelz“ zu erhalten. Ohne Hintergedanken an mögliche inhaltliche Konnotationen ist es dann sein Bestreben, das ausgewählte Sujet genau der fotografischen Vorlage entsprechend wiederzugeben. Penibel wird jeder Farbton einzeln angemischt, in tagelanger Arbeit ausgehend von einer Ecke des Bildes nach- und nebeneinander auf die Leinwand gebracht. Die leichte Zartheit der Blütenblätter einer Wicke, die Durchsichtigkeit der Johannisbeeren, die mattglänzende Oberfläche der Oliven, die prallen, glänzenden Kirschen oder die duftige, filigrane Rose – schon seit dem 17. Jahrhundert war es ein Bestreben der Maler von Stillleben, mit ihrem malerischen Können die sinnlichen Eigenschaften der Dinge zum Leben zu erwecken.
Trotz der unbestreitbar malerischen Qualitäten ist Stefan Bräunigers Kunst ohne die Fotografie nicht denkbar. Im ganz praktischen Sinne beruht dies zunächst auf dem Entstehungsprozess der Bilder. Wie schon erwähnt, dienen dem Künstler Fotografien als Bildvorlagen. Zu Haus, bei möglichst immer gleichen Lichtverhältnissen, fotografiert er, was ihm an Früchten und Blumen unterkommt. Nur ca. zehn Prozent dieser Aufnahmen erscheinen ihm allerdings für seine Zwecke tauglich. Mit Hilfe eines verschiebbaren Rahmens sucht er aus den farbigen Abzügen den Bildausschnitt, den er malerisch umsetzen will. Der wird auf die Leinwand projiziert und als Skizze übertragen.
Neben diesem konkreten Bezug zur Fotografie ist es aber vor allem die durch die Fotografie ermöglichte Sehweise, die entscheidenden Einfluss auf Bräunigers Kunst hat. Seit den Anfängen der Fotografie beeinflussen sich Fotografie und Malerei wechselseitig. Die Fotorealisten haben in diesem Zusammenhang die Abstraktheit des Mediums deutlich gemacht. Fotografische Realität ist in ihrem Sinne das Nebeneinander von abstrakten Flächen, Linien und Punkten, die erst das menschliche Auge zu einem Abbild zusammensetzt. Auch wenn Bräuniger sich selbst nicht als Fotorealist bezeichnet, weil ihm Etikettierungen dieser Art nicht geheuer erscheinen, so nutzt und kopiert er doch diese Erkenntnisse. Er inszeniert seine Objekte nicht, noch zeigt er sie als Ganzes. Das Kameraobjektiv erforscht für ihn den Gegenstand Stück für Stück, Ausschnitt für Ausschnitt. Es zerlegt die Realität in Versatzstücke, zoomt sich ganz nah heran – eine Sehweise, die sich nicht am Gegenstand selbst ausrichtet, indem sie z.B. nur ein einzelnes Blatt „ausschneidet“, sondern die die Realität in rechteckige Flächen aufteilt, auf denen jeweils ein bestimmter Part des Gegenstandes zu sehen ist. In diesem Rechteck das Wesen des Gegenstandes zu erfassen, ist Bräunigers großer Verdienst. Mühelos funktionieren seine Bilder als eben diese abstrakt angelegten Rechtecke wie als getreue Wiedergabe der Wirklichkeit.
Anders als die Maler der Vergangenheit hat StefanBräuniger nicht das Bestreben, seine Objekte mit einer metaphorischen oder symbolischen Bedeutung zu belegen. Trotzdem weckt ihr Anblick unwillkürlich Emotionen. Seine Blumen und Früchte scheinen nicht mehr und nicht weniger sagen zu wollen als: „Ich bin was ich bin“, eine Rose, eine Zitrone, ein Olivenzweig. Aber tragischerweise bleibt ihr Wunsch unmöglich zu erfüllen, macht doch gerade die Art ihrer Darstellung deutlich, dass sie eben nur das Abbild der realen Rose, Zitrone oder Olive sind. Vielleicht rührt daher ihre tiefe Melancholie und poetische Kraft. Sie mag dem unbarmherzig realistischen Blick geschuldet sein, dem kein Detail entgeht, mehr noch aber ihrem ausschnitthaften Dasein, gleichsam verloren in ihrer lebendigen Präsenz im unbestimmten Raum. Je klarer und deutlicher das Bild sagt: „Ich bin ein Bild“, von einer Rose, einer Zitrone, einem Olivenzweig, desto mehr wird die Vergänglichkeit der realen Rose, Zitrone oder Olive bewusst. Ihre Existenz ist eingefroren, festgehalten, aber nicht mehr fassbar, schon vorbei. In diesem Sinne kann Stefan Bräunigers Vorliebe für die Gegenstände der Natur verstanden werden als Versuch, den Dingen wieder Leben „einzumalen“, ihre Vergänglichkeit damit aufzuheben, und doch genau die Widersprüche, die sich daraus ergeben, mitklingen zu lassen und spürbar zu machen. Ein Unterfangen, das ihm auf meisterhafte Weise glückt.
